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Leseproben aus dem Roman »Aus dem Blau dieses unfassbare Glück«

Wenn man in den Ort im Herzen Burgunds hineinfährt, kommt man – aus welcher Richtung auch immer – unweigerlich zur Kirche Saint Ghislain mit ihrem schiefen Dach. Davor liegt ein abschüssiger Platz, den die zweigeschossigen grauen Sandsteinfassaden mit verschlossener Miene anschweigen und an dessen unterem Ende das kleine Rathaus von St. Didier-les-Saules missmutig hinaufschaut, davor das Kriegerdenkmal. In der oberen Hälfte des Platzes zweigt links eine Gasse ab, schlägt ein Haken nach rechts, und da steht man schon vor dem Anwesen der Familie Robin: Wohnhaus, Hof, Werkstatt, ein paar niedrige Nebengebäude, dahinter ein trostloser Garten. Heute wohnt hier eine Frau aus Paris mit ihrem Freund, der aus Australien oder Neuseeland zugeflogen sein soll. Sie gibt Mal­kurse, im Sommer ist das Haus voll, viele Frauen, auch einzelne Männer. Dann und wann zieht eine Gruppe, bepackt mit Staffeleien, Mal- und Picknick­utensilien früh morgens hinaus in die Natur, manchmal sitzen sie alle im Hof, es wird viel geschwiegen und dann wieder viel gelacht. Was sie sonst so machen, wo sie alle schlafen: Wen interessiert das heute noch? Einmal im Jahr, außerhalb der Saison, veranstaltet Mélanie, die Malerin, eine Ausstellung im Atelier, das mal eine Werkstatt war, »um den Bürgerinnen und Bürgern von St. Didier-les-Saules etwas zurückzugeben«, wie sie sagt. Die kommen auch, schauen sich die Bilder an, trinken ein Glas Wein, das ihnen Neil, der Australier (oder Neuseeländer) eingießt, und gehen wieder. Gekauft hat noch niemand jemals etwas.

Wenn sie wieder draußen sind, schauen sich die Leute aus dem Dorf schweigend, aber bedeutungsvoll an. Sie kennen ja alle die Geschichte vom kleinen Clément Robin, der früher hier wohnte und der eines Tages begann, in einer Sprache zu reden, die im Traum zu ihm gekommen sein soll. Ein seltsames Kind, das sich durch nichts und niemanden davon abbringen ließ, dieses Kauderwelsch zu produzieren. Irgendwann war es dann weg. Und viele Jahre später lief Roland, sein Vater – da war er schon ein alter, zuweilen seltsamer Mann – mit einem Brief durchs Dorf, hielt jeden an, der ihm entgegenkam, klopfte da und dort auch an die Haustüren. »Hier«, sagte er, dem sein Sohn schon immer fremd war, und schwenkte den Brief durch die Luft wie eine erbeutete Fahne, »er schreibt: ›Ich habe das Paradies meiner Träume gefunden‹. Heilige Maria, Muttergottes, er hat das Paradies gefunden!«

(...)

Zu der Zeit, als Clément an jedem Samstagnachmittag in die kleine Dorfkirche ging, die dem Heiligen Ghislain geweiht war und in der Père Yrigoyen ihn und seine Altersgenossen auf die Heilige Kommunion vor­­bereitete, die sie im nächsten Frühjahr erstmals empfangen sollten, da fingen die Traumfiguren an zu sprechen. Jetzt, da Clément Robin tot ist, können wir im Rückblick sagen, dass in der Nacht, als der Junge dort oben in seiner Kammer zwischen Elternschlafzimmer und Wäschestube, in St. Didier-les-Saules, unter dem nördlichen Herbststernbild des Pegasus zum ersten Mal den fremden Klang vernahm, sein zwei­tes, sein wahres Leben begann. So sagt es auch sein Sohn, Fano, sein zweites Kind, und Titaua, seine älteste Tochter, nickt dazu. Dann schaut sie auf und blickt uns an und lächelt, mit einem Lächeln, von dem Clément später immer wieder behauptete, genau so habe Vahinetua gelächelt, als sie beide sich zum ersten Mal im Traum begegnet waren. Denn als die Gestalten aus dem Blaugrün des Traumbildes ihm – und man muss ergänzen: wie gewöhnlich – entgegenkamen, da sprach ihn auf einmal der Mann an, der ihm nun schon bekannt war, und er sprach mit klarer Stimme: »T’au ingoa« – und dabei zeigte er auf sich – »Tamatoa«. Dann wies er auf die Frau zu seiner Linken. »T’au tuahine: Vahinetua.«

Clément verstand, was er ihm sagen wollte, deutete auf sich und antwortete nach kurzem Zögern: »Moi, Clément.«

»K’lemon«, wiederholte der Mann unsicher, und beide lächelten. »Maeva!«

Von dieser Nacht an war er in St. Didier-les-Saules nicht mehr zuhause, er fühlte sich so fremd, wie sich ein heran­wachsender Junge fremd fühlen kann in der Welt, die ihn hervorgebracht hat, umgeben, geborgen, und in der er sich bedrängt, missverstanden, verletzt, al­lein gelassen fühlt. Nun endlich war er in der Traumwelt kein Eindringling mehr, war willkommen geheißen, er war dort angekommen und namentlich bekannt. K’lemon. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Doch konnte er nichts tun gegen die kosmische Allmacht, die ihn hier in diesem Dorf im tiefsten Frankreich festhielt, wo er eindeutig nicht hingehörte, wo ihn niemand verstand. »Mutter«, flüsterte er mit erstickter Stimme und seine Augen wurden feucht. Und es kam aus seinem tiefsten Inneren, das ihn sagen ließ: »Matia’a«.

Doch samstags nachmittags wurde Clément von Père Yrigoyen einstweilen in die Geheimnisse des Heiligen Brotes eingeweiht. Die dürre Gestalt des Pries­ters hob und senkte sich auf den Zehenspitzen im Rhythmus seiner Sätze, das scharf geschnittene Gesicht blickte ausdruckslos über die Reihen der Kindlein, die all die Erbaulichkeiten nicht fassen konnten, und seine knarrende Stimme mit dem fremden baskischen Akzent schallte durch das Kirchenschiff. Clément musste daran denken, was Großvater erzählt hatte, dass der Père vor dem Krieg in den hei­mi­schen Pyrenäen Schafe und Ziegen gehütet habe, bevor ihm die Jungfrau Maria erschienen war und ver­heißen hatte: »Von nun an sollst du Seelen hüten.«

Clément hatte verstohlen zu Vater hinübergeschaut, der nur den Kopf schüttelte, während er weiter seine Suppe löffelte. Mutter aber hatte dem Großvater die Hand auf den Arm gelegt und gezischelt: »Nicht vor dem Bub!« Und zu diesem gewandt, weil ja die Sache nun mal aus der Welt geschafft werden musste: »Père Yrigoyen war bei den Partisanen gegen die Deutschen, verstehst du, und da war er einmal dem Tod so nah, dass er ein Gelübde abgelegt hat, wenn er in Friedenszeiten seine Eltern wiedersehen sollte, dann würde er der Kirche dienen.«

»Partisan, da muss ich lachen!« hatte Großvater gemurmelt und gelacht.

Suppentröpfchen hatten sich dabei auf dem Tisch verteilt und Mutter hatte wieder gezischelt: »Alphonse!« Clément hatte wenig verstanden vom Tischgespräch und machte das, was Kinder in solchen Fällen zu tun pflegen: Er machte sich seinen eigenen Reim darauf.

»Leib und Blut unseres Herrn« rief der Seelenhirte nun, »Mysterium«, »Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle«. (...) »Gegenwart Gottes«, »Ausdruck seiner unendlichen Liebe« rief der Pfarrer. Da wanderten Cléments Gedanken zu Nana und ihr Unterhöschen, bis ihm sein linker Banknachbar einen Zettel zusteckte. Er öffnete ihn und erschrak. Jemand hatte mit groben und kritzeligen Bleichstiftstrichen Père Yrigoyen gezeichnet, wie er den Schafen und Ziegen predigte. Clément ließ den Zettel fallen wie eine glühende Kohle. »Du Idiot!« zischte der Junge neben ihm und sah dem Zettel nach, der unerreichbar unter dem Kniebrett in der Reihe vor ihnen niedergesunken war.

»Gibt es da hinten etwas, das ich wissen müsste?« schnarrte Père Yrigoyen, und als die Mädchen zu laut kicherten und von den Knaben keine Antwort zu erwarten war, ging er zum Agnus Deus über. »… qui tollis peccata mundi …« Der Baske dirigierte den Chor der Kinderstimmen und hieb mit kurzen Handkantenschlägen den Takt. »… miserere nobis.« O Herr, der du die Sünden der ganzen Welt auf deine Schultern nimmst, erbarme dich über dein kleines Volk, denn sie wissen ja noch gar nicht, was sie tun. Yrigoyen sprach jetzt so laut mit, dass man die Kinder kaum noch hörte. »… dona nobis pacem!«

In die folgende Stille hinein hörte man die Kirchentür knarzen. Es waren Odette und Raymonde, die beiden Schwestern des Bürgermeisters, die stets als erste zur samstäglichen Beichte erschienen. Der Pfarrer ließ sich zur Eile drängen. »Wir wollen mit dem Segen des Herrn uns auf das Christkönigsfest einstimmen und knien dazu nieder. Und ich sage es gleich: Ich will euch alle morgen zur Heiligen Messe sehen!« Da kniete das Häuflein Christenheit in der Spannung zwischen der baskischen Geißel und der Labsal eines ungezwungenen Nachhausewegs, für den einige sich schon Kurzweiliges ausgedacht hatten, die da unruhig wackelten und zappelten und sich gegenseitig in die Seite stießen und nach rechts zu den Mädchen schielten, während der Père mit weit ausholenden Gesten das Kreuz über ihnen schlug.