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Das nächste Gedicht 

Gruß an Friedrich Hölderlin

 
Wenn ich mal wieder ein Gedicht schreibe, 
wird es von erbarmender Vergessenheit handeln,
von heiligen Empfindungen,
und vom Entzücken,
von seligem Lächeln auch. 
Ich werde Wörter verwenden wie: 
Zornestrunken, 
Gewölke, 
Fittiche, 
Erdenglück,
gegebenenfalls auch: 
stiller Segen. 
 
Ich kann auch reimen. 
Silben, die keimen, 
die sprossen und blühen 
und sanft erglühen. 
 
Ich werde singen 
vom abgeschiedenen Freunde, 
vom Zürnen und 
von ahnenden Häuptern
und herzergossnen Tränen.
Eine Ode werde ich schreiben  
Oder vielleicht Terzinen, 
Alkäische Strophen, 
Alexandriner. 

Auf jeden Fall, sag‘ ich euch,
seid gefasst: 
Trunken dämmert die Seele mir! 

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Mein Corona-Projekt (2)

Ich habe ein wenig aufs Tempo gedrückt und bin mit „B“ durch. (Siehe meinen Post von der Startseite – Thema: ich lerne den Duden auswendig.) War bei diesem Wetter ja auch nicht so schwer, sich auf ein Indoor-Projekt zu konzentrieren. Mit meinem bisherigen Pensum lässt sich schon allerhand anfangen, denn zwischen „a = Ar; Atto…“ und „B2B = Business-to-Business (engl.) (zwischen Firmen)“ liegen die unterschiedlichsten Begriffswelten. Sie erstrecken sich zwischen „Altarsakrament“ und „Brasse“, „Anastomose“ und „Bezoar“ oder „Arschgeige“ und „Blow-Job“– ein weites Feld! Sogar dichten kann man mit dem bisherigen Material – ok, das ist nicht Hölderlin, aber am Ende reimt es sich:

Arions Augen blendete am Abend
attischer Borretsch, abseits am Bühel blühend.
Ach! am Anger bleichte Bettina Blusen,
betrachtete Achim, Bohnenkaffee brühend.

Man beachtete das Enjambement (s. dort) am Ende von der ersten auf die zweite Zeile! Jetzt freu‘ ich mich aufs „C“!

 

 

 

 

Mein Corona-Projekt (3)

O je, ich habe dieser Tage mit Schrecken gesehen, dass der Duden 148.000 Stichwörter enthält – ich bin jetzt beim „C“ angekommen. (Siehe meine Posts auf dieser und der Startseite – Thema: ich lerne den Duden auswendig.) Ich habe Neues gelernt:

Catgut = Faden für chirurgisches Nähen, der sich während des Heilungsprozesses im Körper auflöst

Cetaceum = früher aus dem Kopf von Pottwalen gewonnene fettartige, spröde Substanz 

Was es alles gibt! Dabei ist mir aber auch aufgefallen, was es alles nicht gibt: So viele Dinge, die nicht benannt sind, für die es kein Wort gibt, die mithin auch nicht im Duden stehen. Ich habe mir vorgenommen, diese Lücke zu schließen.

Hier kommen die ersten Vorschläge:

Glonze, die = matter Schimmer, der von frischgeprägten Kupfermünzen ausgeht

Krompfen, der = unentwirrbar verschlunge Schnüre unterschiedlicher Stärke und unterschiedlichen Materials

Schlimpe, die = Spur, die eine mit Freudentränen vermischte Augenkosmetik auf den Wangen hinterlässt

stitzen = auf der Stuhlkante sitzen, um erforderlichenfalls schnellstmöglich aufstehen zu können

kölm = alkoholisiert, kurz bevor man sturzbetrunken ist, was man aber schon noch merkt, ohne dass man jedoch etwas gegen das Weitertrinken tun könnte und wollte (Hw.: Kölmigkeit, die)

Ich bleibe dran!

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Zwei Leben

Man konnte sie für Zwillinge halten, und manche taten das auch. Obgleich der eine elf Monate älter war als der andere, waren sie doch gleich groß, von gleicher Statur und sahen sich verblüffend ähnlich. Sah man Klaus-Peter und Hans-Dieter nebeneinander stehen, erkannte man allerdings, wenn man nur wollte, dass sie keine Zwillinge waren. Doch obwohl sie immer und überall nur zu zweit auftraten und damit für alle der direkte Vergleich möglich gewesen wäre, blieben sie für die meisten ganz einfach die Zwillinge. Sie wurden gleichzeitig eingeschult, sie gingen gemeinsam zur Konfirmation, hatten zur selben Zeit die erste Freundin, tauschten gar die zweite Liebschaft untereinander aus, machten zusammen Abitur und dann verschwanden sie. Alle, die zurückblieben, sahen sie in ihrer Vorstellung gemeinsam durchs Leben gehen.

Die Wahrheit jedoch ist, dass Hans-Dieter, der ältere, in Göttingen, Heidelberg und Boston Medizin studierte und dann in Hamburg, Freiburg und München Herzen heilte, Klaus-Peter aber verschrieb sich dem Theater, stand in Oldenburg, Trier und Wiesbaden und an vielen anderen Orten auf der Bühne. Zu der Zeit, als Hans-Dieter Chefarzt wurde, hatte Klaus-Peter eine Haupt-Nebenrolle in der Vorabend-Serie Wege der Liebe, in der er zweieinhalb Jahre lang einen Förster spielte, der … ach, egal, keiner erinnert sich mehr daran.

Die beiden hatten sich übrigens nicht mehr wiedergesehen, nachdem Klaus-Peter am Tag nach dem 35. Geburtstag seines Bruders die Gelegenheit genutzt hatte. Hans-Dieter ging 18 Loch spielen, und Klaus-Peter mit dessen Frau, einer Anästhesistin, noch einmal ins Gästebett. So trennten sich ihre Wege, auch die von Hans-Dieter und seiner Frau. Nach der Scheidung hatte eine Schwesternschülerin ihre Chance gesehen, eine Affäre, die Hans-Dieters Karriere mit knapper Not unbeschadet überstand. Danach hatte er sich zurückgehalten, später noch einmal geheiratet, doch Eva erlag im sechsten Jahr ihrem Krebs. Klaus-Peter und Marie, die Anästhesistin, hatten es tatsächlich ernst gemeint, eine Tochter kam zur Welt, doch als Klaus-Peter von der Seebäder-Tournee 1984 zurückkam und ein paar Tage später plötzlich Jule aus der Maske vor der Tür stand, so ein Typ blondes Babe in Leggins, war von der Heirat, die er und Marie immer wieder hinausgeschoben hatten, keine Rede mehr. Keine Ahnung, was Marie und Jule heute machen.

 Heilt die Zeit Wunden? Dass kann man so und so sehen, antwortet Hans-Dieter, der Herzchirurg, seinem besten Freund Max, der mit 28 Jahren, als er heiraten wollte, erfahren hatte, dass er adoptiert war. Klaus-Peter und Hans-Dieter machen den Versuch am lebenden Objekt, denn sie wohnen wieder unter einem Dach. Sie haben beide unterschiedliche Therapien zur Wundheilung entwickelt. Hans-Dieter schweigt über das, was war, er zieht seinen Ruhestand durch, geht Joggen, auf den Golfplatz, gar zum Fallschirmspringen (ein einziges Mal, um ehrlich zu sein, nur um es mal erlebt zu haben, sagt er, nur um auf der nächsten Party darüber reden zu können, sagt sein Bruder). Er lebt das Leben, das man einem pensionierten Chefarzt und emeritierten Professor zuschreibt: Villa, Oldtimer, Antiquitäten (in Hans-Dieters Fall sind es alte Schellackplatten), kleine, feine Gesellschaften mit Live-Musik, Florenz, Marrakesch, solche Sachen.

Klaus-Peter wohnt unterm Dach, für ihn völlig in Ordnung, es fühlt sich nicht nach Gesindekammer an, vielmehr ist er Realist genug zu sehen, dass er ein mittelmäßig gebuchter Schauspieler ist. Er ist noch immer in den Karteien, im vergangenen Sommer hat er bei einem Freilichtfestival den Diener Daniel in Die Räuber gespielt und im Kinderprogramm Pu, den Bären. Er versucht auf seine ganz eigene Art Normalität zu verbreiten, wohl wissend, dass es nichts gibt in ihrem Leben, an das sie anknüpfen könnten, wie weit auch immer sie zurückgingen. Da sind zu viele Knoten in dem Faden, mit dem man die alten Wunden vernähen könnte, und so setzt er darauf, dass es doch die Zeit richten könnte, wenn er sie nur anfüllte mit Wohltaten für seinen Bruder. Noch bevor der aufsteht, hat er schon den Rasen gesprengt und das Frühstück gemacht. Ich will das nicht, du sollst hier nicht deine Sünden sühnen, sagt Hans-Dieter dann unwirsch, und es gibt Streit, weil Klaus-Peter natürlich nichts von Sünden, Schuld und Sühne wissen will. Wenn es schlimm kommt (und das hat auch mit alten Fotos und alten Geschichten und altem Whisky zu tun), dann zieht Klaus-Peter ins Gartenhaus, eine unnötig dramatische Geste, denn ob Dachkammer oder Gartenhaus kann beiden völlig egal sein. Du blöder Schmierenkomödiant!, ruft ihm Hans-Dieter hinterher, Du Knallcharge! und die Nachbarn schließen die Fenster. Klaus-Peter sollte vielleicht mal aufhören mit dem Versuch, die alten Geschichten in ein anderes Licht zu setzen mit seinem abendfüllenden Gerede.

Doch er hängt an der Vergangenheit, hat Jule gegoogelt. Die hat keinen Wikipedia-Eintrag, was ihn zunächst mal beruhigt (Wikipedia-Einträge von Kollegen und Kolleginnen fühlen sich an wie ein Skalpell in einer gerade verheilenden Wunde), aber er findet sie auf der Seite von Star Express, ein sogenanntes Promi-Magazin. Ex-Kinky-Girl Jule Möhring: Ja, wir sind ein Paar. Auf dem Foto erkennt er sie noch durch die Spuren der Jahrzehnte hindurch, das Haar immer noch blond und lang, braungebrannt, okay das alles, und im Arm hält sie ein hageres Mädchen mit tiefen Augenringen, die ihr einen Kuss aufdrückt. Meine Jule, sagt er dann, er lächelt still und ist unglücklich. Aber das liebt er doch so an der menschlichen Komödie, dass man gleichzeitig lachen und weinen kann.

Hans-Dieter redet über den Gärtner, der nicht beikommt, um die Hecken zu schneiden, über den Wein, den er im Großmarkt gekauft hat und der nicht schlechter war als der vom Weinhändler, nur preiswerter. Ums Geld geht’s mir nicht, aber wenn ich doch weniger ausgeben muss fürs Gleiche. Klaus-Peter nippt an seinem Glas, setzt an zu einer Antwort, aber das hätte wieder was mit früher zu tun, wie sie in Lorchhausen einfach das Boot genommen haben und rausgefahren sind zu dieser Insel, Bacharacher Werth sagt Hans-Dieter, jetzt ist es doch noch rausgerutscht, woran er eigentlich nicht erinnern wollte. Ja, so hieß die Insel, komischer Name. Und was wolltest du jetzt eigentlich erzählen? fragt sein Bruder. Ja, was nur? Von dem Abend auf der Insel mit dem Rucksack voller Weinflaschen. Lorcher Kapellenberg und Lorcher Pfaffenwies, acht Flaschen insgesamt, weiß ich noch wie heute, Hans-Dieter ist stolz auf sein Gedächtnis. Weiß er auch noch, wie der dritte Mann hieß, den sie dabeihatten? Das kommt nicht zur Sprache, denn dann müssten sie darüber sprechen, dass sie ihn dort zurückgelassen haben, auf einer Insel mitten im Rhein, 400 Meter lang und 80 Meter breit, baumbestanden, in der Mitte eine Lichtung, dort lag er als sie ihn verließen, immer noch besoffen alle drei.

Sie sprechen es nicht aus, wie so vieles andere verschwiegen wird. Wenn sie streiten, dann über die Frauen, aber auch darum machen sie jetzt einen weiten Bogen. In Ruhe vernarben lassen. Viel lieber streiten sie über Literatur. Pah, Knausberg, Toilettenprotokolle, sagt der eine oder der andere bekennt Die Russen habe ich noch nie leiden können. Und dann: Aber Tchechow, ich habe 1889 im Onkel Wanja – dann bemerken sie beide den Versprecher und lachen, schütten sich aus vor Lachen, bevor sie wieder streiten: Geh mir fort mit Houellebecq! Oder wie immer man den schreibt … Die Pointe bleibt im Raum stehen, sie haben ja schon genug gelacht.

Was ist eigentlich mit den zwei Bildern, die bei den Eltern immer im Wohnzimmer hingen? Hans-Dieter stellt sich taub. Was hast du damit gemacht? schiebt Klaus-Peter hinterher. Welche Bilder? fragt Hans-Dieter, scheinheilig. Das ist er immer gewesen, ist er noch immer: scheinheilig. Und verlogen. Nur auf seinen Vorteil aus. Ach, du meinst die schrecklichen wilden Klecksereien … Jetzt ist Klaus-Peter angestachelt … ja, die, die Vater mal aus Wien mitgebracht hat, die waren von Louis Moilliet, was ist aus denen geworden? Hans-Dieter hebt nur die Schultern. Eine ganze Weile sagt keiner von beiden etwas. Dann spricht Hans-Dieter doch noch. Du weißt, wie schlecht es Mutter ging nach Vaters Tod. Das war nicht die Antwort, aber Klaus-Peter weiß, dass das alles ist, was er aus seinem Bruder herauskriegen kann. Wieder einer dieser Abende, an denen sie sich aus dem Weg gehen, jeder bei seinen Gedanken, bereit, jederzeit zum Angriff überzugehen, was sie vermeiden, solange es irgend geht.

Es hat sich so ergeben, dass Klaus-Peter kocht, das hat Hans-Dieter nie gelernt. Das hast du nie nötig gehabt, ruft sein Bruder aus der Küche, während Hans-Dieter an seinem Flügel sitzt und Gershwin spielt. Was habe ich nie nötig gehabt? Kochen, dass du dir was kochen musst. Ach, was weißt du denn schon, gibt der Mann am Klavier zurück und spielt etwas lauter, um die Dunstabzugshaube zu übertönen. Es gibt Backfisch mit Kartoffelsalat oder Spaghetti Carbonara, aber die echt italienische Art, oder  Hühnereintopf, wie Mutter ihn gemacht hat. Sie gehen auch manchmal zusammen essen, nur sie beide. Zu Beginn ist Klaus-Peter erstaunt, dass es keinen Lieblings-Italiener gibt, so eine Art Rossini wie in dem Film, oder ein Sternerestaurant, wo sein Bruder mit Titel und Namen begrüßt wird. Vielmehr gehen sie mal da, mal dort hin, mal schick, mal schlicht, Klaus-Peter lässt seinem Bruder die Auswahl (da er ja auch am Ende bezahlt), es schmeckt beiden überall, ob bei Galeb, wo das Schawarma vom Drehspieß gesäbelt wird, oder im Schwarzen Hahn, wo schon mal der Kellner an den Tisch kommt, wegen der flambierten Crêpe.

War es gestern Abend nicht besonders schön gewesen? Auch der Heimweg, zu Fuß durch die Sommernacht, das hatte doch etwas Vertrautes. Und jetzt liegt er da, auf der Terrasse zwischen der Rose Cherry Lady und dem Oleander, im Fallen hat er ein paar Blütenblätter abgestreift, die jetzt um ihn her verstreut liegen, rosa Tupfer auf dem weißen Marmor der Terrassenfliesen. Nichts ist gut, auch wenn es so aussieht. Austherapiert, sie haben die Nebenwirkungen kennengelernt, das ja, aber sie werden nie erfahren, wie man diese Wunden wirklich heilt. Jetzt liegt er da, ein Leichnam, und, mein Gott, jetzt sind sie sich noch nicht einmal mehr ähnlich, die Zwillinge.

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Coronabedingt

Coronabedingt zur Zeit geschlossen.
Coronabedingt die Ruhe genossen.
Coronabedingt recht einsam gewesen.
Coronabedingt sehr viel gelesen.
Coronabedingt zuhause geblieben.
Coronabedingt Gedichte geschrieben.
Coronabedingt nur telefoniert.
Coronabedingt abseits spaziert.
Coronabedingt niemand geküsst.
Coronabedingt euch alle vermisst.
Coronabedingt viel selbst gekocht.
Coronabedingt auf Hygiene gepocht.
Coronabedingt dem Tierpark gespendet.
Coronabedingt viele E-Mails versendet.
Coronabedingt nicht im Chor gesungen.
Coronabedingt nicht das Tanzbein geschwungen.
Coronabedingt viel ferngesehen.
Coronabedingt ist sonst nichts geschehen.

Doch ganz langsam, mit Abstand, Stück für Stück,
kehrt in den Alltag das Leben zurück.
Jetzt, da die Infektionsrate sinkt,
Bleibt fast nur noch der Mundschutz, coronabedingt.

 Ich mit MundschutzIch mit Mundschutz

 

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Das Röslein

Wenn ich ein Röslein wär‘

Und rosa Blüten hätt‘,

Streut‘ ich mich aus.

Weil's aber nit kann sein,

Weil’s aber nit kann sein,

Bleib‘ ich zuhaus.

 

Wenn ich ein Röslein wär‘

Und wüchs‘ auf dein'm Balkon,

Röchst du mein‘n Duft.

Weil's aber nit kann sein,

Weil’s aber nit kann sein,

Stinkt hier die Luft.

 

Wenn ich ein Röslein wär‘

Und auch noch Dornen hätt‘,

Blieb‘ ich dir fern.

Weil's aber nit kann sein,

Weil’s aber nit kann sein,

Stech‘ ich dich gern.

 

Wenn ich ein Röslein wär‘,

Wär‘ ich wohl bald verblüht,

Meine Pracht dahin.

Weil's aber nit kann sein,

Weil’s aber nit kann sein,

Bleib‘ ich, der ich bin.

 

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Flötenspieler im Park

Eine Skulptur

Als der Regen vorüber war,

und das erste Licht einer fernen Sonne

den grauen Spiegel des Weihers berührte,

da hobst du deine Flöte auf.

Sanfter Kuss von schmalen Lippen,

zarter Griff von schmeichelnden Fingern,

stolzer Blick aus lächelnden Augen,

warmer Hauch von duftendem Atem.

Der erste Klang eines fernen Liedes,

schwebte durch den dampfenden Park,

blieb wie Spinnweb hängen im Gesträuch

und wie süßer Tau

auf Blättern und Gras.

 

Das Gedicht könnt ihr hören auf meinem
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Am Bahndamm

Wäre ich damals ausgestiegen, ein einziges nur von vielen Malen, dann hätte ich heute meine Ruhe. Hätte ich nur einmal den Mut gehabt, den Zug in Adorf zu verlassen und mit dem Triebwagen, der eine Stunde später den Bahnhof verließ, weiterzufahren. In dieser Stunde hätte ich hinauswandern können aus dem Städtchen, den Weg zwischen den gepflegten Wochenendgärtchen entlang, den ich auf meiner allwöchentlichen Bahnfahrt vom Fensterplatz aus gut verfolgen konnte, denn so kurz hinter dem Bahnhof fuhr der Zug noch recht langsam. Dann hätte ich an der Gabelung den rechten Weg genommen, der zu der Brücke und über den Bach führte.

An der Brücke stand ein Schild, nicht eigentlich an der Brücke, sondern schon ein paar Meter davor. Ein weißgestrichenes Holzbrett, wahrscheinlich einmal mit knappen Hammerschlägen an den Pfahl genagelt, der unten schwarz gepecht war. Dort, wo der Weg Schild und Brücke und Bach erreichte, erreichte der Zug allwöchentlich eine Geschwindigkeit, die es mir unmöglich machte, Genaueres über die Aufschrift des Schildes zu sagen, als dass sie aus drei Zeilen schwarzer Buchstaben bestand.

Was stand auf dem Schild?

Wenige Male, nachdem mir das Schild aufgefallen war, begann ich mit Bedacht bei der Entzifferung vorzugehen. Eine Weile bevor der Zug die Brücke passierte, visierte ich mit zusammengekniffenen Augen den Punkt an, wo das weiße Viereck am linken Fensterrahmen auftauchen musste, und mit einer raschen Kopfbewegung versuchte ich die Zuggeschwindigkeit zu kompensieren. Nur einen Versuch hatte ich pro Woche. Ich vergab ihn Mal für Mal.

Drei schwarze Zeilen auf einem weißen Schild, sie ließen mich jetzt nicht mehr ruhen. Meine Fahrt an der vorherigen Station ungewöhnlicherweise zu unterbrechen, dafür erschien es mir damals jedoch noch ein zu geringer Anlass.

Eines Tages war das Schild verschwunden. Und damit wurde alles noch viel schlimmer. Wie gebannt starrte ich nun vom Beginn der Bahnfahrt an aus dem Fenster, um das Wiedersehen nicht zu versäumen. Das Schild blieb verschwunden. Und wäre es auch wieder aufgetaucht, wer garantierte, dass es die gleiche Aufschrift wie vordem trug?

Was also hat auf dem Schild gestanden? Ich werde es wohl nie erfahren.