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(…)

Ich lauschte noch einen Augenblick, dann klopfte ich an. Das Geigenspiel verstummte. Ich hörte Stimmen, ein Poltern, dann feste Schritte auf dem Dielenboden. Die Tür öffnete sich, und durch den Spalt schob sich Da Ponte. Er war nicht mehr ganz so kräftig wie noch zu Zeiten des guten Kaisers Joseph in Wien, entweder hatte ihm die englische Küche, das viele Reisen oder die Gläubiger so zugesetzt. Aber da war immer noch der spöttische Blick und der schmale Mund mit den stets zu einem Schmunzeln hochgezogenen Mundwinkeln, als ob die ganze Welt eine Bühne und das Leben eine einzige Commedia wäre. Die Haare hatten die Stirn verlassen, doch er machte aus der Not eine Tugend und hatte sie fest nach hinten gekämmt, wo sie über die Ohren und bis über den Kragen fielen.

Mit einer Hand zog er die Tür hinter sich bei, so dass ich keinen Einblick in die Kammer erhaschen konnte, mit der anderen schob er mich zurück. »Wir können über alles reden«, stieß er unvermittelt hervor, »unter Gentlemen«. Ich musste an mich halten, um nicht laut heraus zu lachen. Wie seltsam das war, eben noch, unten vor dem Gastwirt in seiner Nichtigkeit, ließ ich mich aus dem Gleichgewicht bringen, hier, vor dem Hofdichter Da Ponte fühlte ich eine grenzenlose Überlegenheit.

»Sie irren sich«, sprach ich ihn auf Deutsch an, »ich komme nicht in … Geschäften, jedenfalls nicht der Art, die Sie vermuten.«

Er sah mich eindringlich an, als stünden mir meine Absichten auf der Stirn geschrieben. »Sie kommen aus Vienna, das höre ich, ich habe es lange genug er­tragen müssen.« Ein klein wenig neigten sich seine Mundwinkel. »Was wollen Sie?«

Ich nahm an, es sei das Beste, nicht lange um den heißen Brei zu reden. »Ich suche Mozart.«

»Ah, Signor Mozart, das Uccellino ist …« er verschränkte seine Daumen und ließ die Handflächen flattern, »aus­geflogen aus dem Käfig. Und jetzt ist er hier, und dann dort, und dann wieder ganz woanders.«

»Sie haben mit ihm gesprochen?«

»Kommen Sie.« Mit einem Ruck zog er die Tür ins Schloss, während drinnen gleichzeitig ein Kind aufweinte. »Kommen Sie«, und er wandte sich die dunkle Stiege hinab. Mit festem Schritt durchmaß er die Schenke und nahm im Nebenraum an einem der Tische Platz. Mit großer Gebärde lud er mich ein, dass ich mich zu ihm setze, also nahm ich Platz. »Webber, zwei Pint vom Hellen«, rief er zum Wirt hinüber, der trotz der angespannten Finanzlage seines Gastes der Order nachkam. Als er die zwei Gläser vor uns auf den Tisch stellte, hielt Da Ponte den Mann an seinem Wams fest. »Sie sind doch gewiss hungrig«, sagte er zu mir gewandt, um gleich darauf seine Bestellung aufzugeben. »Für den Herrn meine Spezialität, du weißt, und für mich den Mäsch mit Soße.« Er zeigte auf seinen Mund, und wiegte mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns den Kopf. »Meine Zähne, certo, das wissen Sie.« Ich erinnerte mich, dass sein Gebiss schon vor vielen Jahren fast vollständig einem Anschlag zum Opfer gefallen war, Liebeshändel sagte man, eine Intrige sagte Da Ponte, wie alle Widrigkeiten in seinem Leben nur das Werk von Intriganten waren. »Ich muss weich essen, aber die Pasta hier, eh, che schifo!« Seine freundlichen Mundwinkel zogen sich nach unten, und für einen Augenblick sah es so aus, als ob er seinen Mageninhalt auf das Tischtuch zwischen uns ausgießen wollte.

»Und Mozart? Haben Sie Mozart gesehen, gesprochen?«, unterbrach ich ihn.

»Ach, Mozart«, sagte er, und ich glaubte darin einen abfälligen Klang zu hören. »Ich war in Nuova York in einer Buchhandlung und unterhielt mich mit dem Libraio über die Werke italienischer Dichter. Ich kenne nur fünf, die es wert sind, Dichter genannt zu werden, erdreistete sich der junge Mann und zählte sie mir auf: Ariosto, Petrarca, Dante, Boccaccio, Tasso – da kam aus dem hinteren Winkel der Buchhandlung eine wohlbekannte Stimme: ›Aretino, Bandello, Marino, Basile, Metastasio, Goldoni, Gozzi‹, so zählte sie alle Poeta auf, die Italiens Literatur groß gemacht haben.«

»Und die Stimme, das war Mozart.«

»Certo, das war mein Mozart. Wir sind den ganzen Nachmittag umhergezogen, ich habe ihm mein Nuova York gezeigt, und abends bei Ferrando haben wir fein Pasta und Rotwein.«

»Und …?«

»Ebbene, wir haben abgemacht, dass wir Don Giovanni auf die Bühne bringen, in Nuova York, für die Ignoranti, die sollten sehen, was Mozart und Da Ponte noch fertigbringen. Wir haben uns verabredet für den nächsten Tag, aber Mozart ist nicht gekommen. Entweder hatte er schon zu viel Wein im Kopf, als er in den Handel einschlug, oder er hat es vergessen oder er ist verhindert worden oder …«

»… er wollte nicht kommen«, ergänzte ich den Satz. Da Ponte nickte stumm. »Und jetzt? Wo ist er? Ist er noch in Neuyork?«

Da Ponte zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Ich habe nicht mehr mit ihm gesprochen seit jenem Abend, und ich habe auch niemanden anderen getroffen, der es mir hätte sagen können.«

Plötzlich trat jemand an unseren Tisch und wir schreckten beide hoch, so versunken waren wir in unser Gespräch.

»Nancy!« entfuhr es Da Ponte, »was ist, meine Liebe? Geht es Luigi schlechter?« Und zu mir gewandt: »Mein kleiner Sohn, er fiebert seit Tagen.« Er sprang auf und ging seiner Frau voraus durch den Schankraum und die Hintertür zum Stiegenhaus. Nancy Grahl Da Ponte war eine Frau von reizendem Äußeren, selbst in der Sorge um den kranken Sohn strahlten ihre Augen geradezu überwältigend, auffallend elegant gekleidet war sie für diese eher ärmliche Umgebung und die prekären Lebensumstände, in die ihr Mann sie gebracht hatte. Moment mal, Da Ponte musste jetzt auf die 60 gehen, und Nancy war, ich denke mal nicht älter als 35? Ha, ob das wohl eine Commedia des Meisters war, ins wahre Leben umgesetzt? (Später erfuhr ich, dass Signora Da Ponte auf 30.000 Piaster eigenem Geld saß, das ihr Mann nicht anrührte. Liebe hat offensichtlich viele Gesichter.)

Mit seinem schnellen Aufbruch (›Mein armer Luigi!‹) hatte Da Ponte allerdings wieder einmal bewiesen, was für ein schlauer Hallodri er doch war, immer noch von schnellem Verstand und nicht ohne Witz: Die Zeche blieb an mir hängen.