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Das Rezept zur Oper

Vom Fasan hier diesen Schlegel

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten

Dichtung von Lorenzo da Ponte

Uraufführung 1787 am Gräflich Nostitzschen Nationaltheater, Prag

 

»Im Herbst des Jahres 1787 unternahm Mozart in Begleitung seiner Frau eine Reise nach Prag, um Don Juan dortselbst zur Aufführung zu bringen.« So lässt Eduard Mörike knapp 70 Jahre später seine Novelle ›Mozart auf der Reise nach Prag‹ beginnen. Mozart hat einen Teil der Don Giovanni-Partitur im Koffer, den Rest schreibt er in Prag nieder, während Orchester und Sänger bereits für die Uraufführung proben. Die 100 Dukaten des Theaterdirektors Bondini waren ein unschlagbares Argument für pünktliche Ablieferung ausreichend vieler und ausreichend guter Noten.

Don Juan, wie er im literarischen Vorbild (einer kastilischen Sage) und im Deutschen heißt, stand erstmals um 1630 auf der Bühne, wohl war es ein Mönch, der ihm poetisches Leben einhauchte. Ob er jemals tatsächlich unter den Lebenden weilte, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Doch das Bühnenleben verlor er nimmer. Von Spanien aus trat er seinen Siegeszug durch Europa an, bis Mozart ihm zu dauerhaftem Weltruhm verhalf. Die Oper wurde – zumindest in Prag – ein großer Erfolg. Danach schrieb Mozart nur noch drei Opern (›Così fan tutte‹, ›La clemenza di Tito‹ und ›Die Zauberflöte‹, die beiden letzteren in seinem Todesjahr).

Don Giovanni ist ein alter Schwerenöter, der vor keinem Rock Halt macht. Intrige, Täuschung und rohe Gewalt bereiten ihm den Weg in manches Schlafzimmer und vergrößern die Lust an der Sache. Sein Diener Leporello ist immer eifrig zu Diensten, auch wenn seine eigene Braut schon Opfer von Giovannis Gelüsten wurde. Er ist der Buchhalter des sinnlichen Taumels: mille e tre – bei tausendunddrei ist er auf seiner frivolen Liste (dem später nach ihm so benannten Leporello) angekommen.

Die Handlung pendelt zwischen Burleske und Tragödie, zwischen Mystik und Lebensfreude, die Figuren sind keine Typen, sondern Menschen mit der ganzen Breite menschlicher Gefühle. Mozart verstand es, in Don Giovanni wie nie zuvor dieses Spektrum musikalisch zu bedienen. Am schauerlichsten ist Mozarts Musik in jener Friedhofsszene, in der das Standbild des von Don Giovanni getöteten Komturs die höhnische Einladung zum Nachtmahl annimmt und ein Hauch von Jenseits über den Orchestergraben weht. Und natürlich dann, wenn der ›Steinerne Gast‹ tatsächlich am Abendbrottisch erscheint.

»Ich griff einen Akkord und fühlte, ich hatte an der rechten Pforte angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinanderliegen«, lässt Mörike seinen Mozart über die Arbeit an dieser Szene berichten. »So kam fürs erste ein Adagio heraus: D-Moll, vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fünfen; es wird, bild‘ ich mir ein, auf dem Theater etwas Ungewöhnliches geben, wo die stärksten Blasinstrumente die Stimme begleiten.« Posaunen sind‘s, die Mozart hier gravitätische Schauer verbreiten lässt.

Weil das aber nicht die rechte Tafelmusik ist, gewährt der Meister seinem Don Giovanni die Unhöflichkeit, schon vor dem Eintreffen des Gastes mit dem Essen zu beginnen. »Ha, das Mahl ist schon bereitet! Macht Musik, ihr lieben Leute!« singt Don Giovanni in köstlichstem D-Dur und heißt Leporello, die Speisen aufzutragen. Die Musik, die Giovannis Salonorchester (auf der Bühne) anstimmt, ist einer damals vielgespielten Oper von Vicente Martin y Soler entnommen, was Leporello auch sofort erkennt: »Bravo! ›Cosa rara‹!« Er erkennt allerdings auch, wie gut seinem Herrn die Speisen munden und beklagt sich: »Was sind das für Riesenbissen, und vor Hunger sterb‘ ich schier.«

Doch die neue Melodie des Orchesters lässt ihn auf andere Gedanken kommen: »Wie heißt doch die alte Oper?« fragt er sich. Im italienischen Originaltext wird die Lösung mitgeliefert: »Evvivano i litiganti"« (»Hoch leben die Streitenden«) – ›I pretendendi delusi ovvero Fra i due litigandi il terzo godo‹ (›Die enttäuschten Bewerber oder auch: Zwischen zwei Streitenden freut sich der Dritte‹) heißt nämlich das zitierte Werk von Giuseppe Sarti, das 1768 in Venedig in Szene gegangen war.

Don Giovanni ist bei den alkoholischen Genüssen angelangt und verlangt nach dem edlen Marzimino, wahrscheinlich einem Marzimino di Trento, einem edlen Rotwein aus dem Etschtal. Das gibt Leporello Gelegenheit zum Mundraub: »Vom Fasan hier diesen Schlegel bring‘ ich sachte, sachte außer Sicht«. Und während Giovannis Musiker eine Melodie aus ›Figaros Hochzeit‹ anstimmen (Leporello: »Die Musik kommt mir äußerst bekannt vor!« – Mozart, dieser Schlingel!), also während dieser musikalischen Schnurrpfeifereien, fragt man sich, ob Don Giovanni denn seine Einladung völlig vergessen hat.

Der ›Steinerne Gast‹ jedoch, das Standbild des toten Komturen, hat die Einladung nicht vergessen. Noch bevor der letzte Fasanenschlegel verspeist, das letzte Glas Marzimino geleert ist, betritt der Commendadore den Speisesaal. Dazu eine Musik, »durch welche auch der Nüchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja über sie hinaus gerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und hören«, um mit Mörikes Mozart zu sprechen. »Als der Halbverklärte die ihm angebotene irdische Nahrung verschmäht, wie seltsam schmerzlich wandelt seine Stimme auf den Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmäßig auf und nieder!«

Wir halten es mit Leporello und wollen die irdische Nahrung nicht verschmähen. Greifen Sie zu, es gibt Fasan!

Fasan mit Granatapfel ›Don Giovanni‹

2 junge Fasanen

Salz, Pfeffer

60 g Butter

1 Gläschen spanischen Weinbrand

Saft einer halben Zitrone

Saft von zwei Granatäpfeln

 

Die Fasanen in jeweils sechs Teile zerteilen (Keule, Rücken und Brust), mit Salz und Pfeffer würzen und in der Butter rosa braten. Auf der Anrichtplatte warm stellen. Die überschüssige Butter aus der Pfanne abgießen und den Bratensatz mit dem Zitronensaft und dem Weinbrand ablösen. Den Granatapfelsaft dazugeben, eventuell nachwürzen, noch einmal erhitzen und über die Fasanenstücke gießen.

Dazu gibt es Nusskartoffeln, mit einem Ausstecher geformte kleine Bällchen roher Kartoffeln, die gesalzen in reichlich Butter in einem fest verschlossenen Topf unter gelegentlichem Schütteln gebräunt werden. Außerdem garen wir Artischockenböden in schwach wallendem Salz- und Essig-Wasser. Herausnehmen und abtropfen. Oder Artischocken­böden aus der Dose nehmen und dann wie die gegarten frischen Böden in reichlich Butter dünsten, salzen und pfeffern.

 

Lorenzo Da Ponte, der das Libretto verfasst hatte, verschlug es übrigens 1805 nach Amerika. In New York engagierte er sich für die italienische Oper und nach einer Reihe von Aufführungen des "Barbiers von Sevilla", den der Musiker Manuel Garcia in die Neue Welt gebracht hatte, regte er 1825 an, den ›Don Giovanni‹ einzustudieren. Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar berichte von dem Theaterereignis im Park Theatre: »Es war mir eine große Befriedigung, eine klassische Oper so gut dargebracht zu sehen.« Da Ponte starb 1838 in der Spring Street in Manhattan, sein Grab ist – wie das Mozarts – unbekannt.